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dragonseel


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Wenn ich zurück denke, begann es wohl im weißen Nebel eines spätromantischen Londons, zwischen den heruntergekommenen Mauern des Waisenhauses der Familie Drake. Dort sah ich sie das erste Mal. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, warum mich meine Füße an diesem regnerischen Septembermorgen in die dunklen Gassen des East Ends trugen. Ich spazierte, mit meinem nassglänzenden Schirm durch den Dreck, vielleicht war es wissenschaftliche Neugierde, vielleicht reizten mich auch nur die Nachtseiten der menschlichen Seele. Ich war Illusionist und besaß ein kleines Theater in Frankreich. Nebenbei schrieb ich schlechte Stücke und verabscheute die rosageblümte Romantik und das Glück der Reichen. Ihr müsst wissen, nichts ist langweiliger als die Zufriedenheit des gemeinen Volkes, nichts verachtenswerter für die Kunst als die Vollkommenheit. Ich habe das nie so gut verstanden wie im Jahr 1884. Ich wurde von meinen Eltern für ein Jahr nach England geschickt, um mir nebenher ein wenig Geld bei einem Geschäftspartner meines Vaters zu verdienen. Ich besuchte einseitige Zaubervorführungen, dir mir weit weniger entlockten als ein gelangweiltes Gähnen. In meinem Kopf schmiedete ich schon lange Pläne darüber, die Wirklichkeit zu entthronen und der Phantasie auf ihren rechtmäßigen Platz auf der Spitze der menschlichen Leidenschaften zu verhelfen. Vielleicht hielten mich einige schon in meinen jungen Jahren für absonderlich, aber ich wurde die farbenfrohen Bilder nicht los, die mich durch eine trist schwarz-weiße Welt lockten. Nun denn, ich schweife schon wieder ab. Ich spazierte also und vernahm schließlich gedämpft in einer Seitenstraße eine leise, aber glockenklare Stimme. Und wenn du nicht Acht gibst, dann fällt dir eines Tages der Mond auf den Kopf und wird dein Zuhause verbrennen. Und dann die Welt. Du musst wissen, Anton, der Mond ist ein großer Phantast. Da er stets im Dunkeln lebt, muss er sich die Welt mit seinem eigenen Licht in die Schatten zeichnen. Ihr dunkles, krauses Haar war das erste, was ich von ihr sah, als ich um die Ecke spähte. Aus den Augenwinkeln wurde ich einem rotznasigen Jungen gewahr, der mit verheulten Augen Zeuge dieser wundersamen Begegnung wurde. Sie war ein Mädchen der Nacht, eine Gespielin der Schatten und träumte am Tag von der Dunkelheit. Sie kleidete sich stets in Schwarz und trug ihr Haar offen wie eine der leichten Mädchen am Rande des East Ends. Alles war ihr von gleichgültiger Schönheit und sie suchte wie ich ihr Heil an der Schwelle zwischen Illusion und Wissenschaft: Sie war Astrologin und hatte eine gewisse Vorliebe für die Untersuchungen des Mondes. Wenn man Fremde in der Stadt nach ihr fragte, senkten sie die Stimmen und schoben die Köpfe zusammen. Vielleicht sei sie mit dem Teufel im Bunde und habe ihren einstmals wachen Verstand für einige Stunden höllischen Vergnügens verkauft. Ich wollte hinter ihr Geheimnis kommen, folgte ihr und wartete unter ihrem Fenster. Ich sagte mir, sie ist eine kluge Frau, und daher haben die Menschen Angst vor ihr. Ich entwickelte über wenige Tage hinweg eine Art ungesunde Besessenheit dieser Gestalt gegenüber, in meinen Gedanken war sie Hexe und Werwolf, Kurtisane und Regentänzerin. Ich atmete den Dunst ihrer dunklen Aura und ertrank in ihrer bloßen Anwesenheit. In meinem Kopfe fügten sich die wildesten Ideen auf einem schwarzen Tableau zu bunten Phantasien. Sie hingegen beachtete mich nicht, ich war ihr nicht mehr als ein Schatten zwischen den Blättern ihres Efeus. Sie verließ selten ihr Haus, blieb hinter zitternden Vorhängen meist nicht mehr als ein Scherenschnitt auf meiner inneren, gewachsenen Bühne. Es kam der Tag, an dem sie mittags aus der Tür trat, aber noch gegen Mitternacht nicht nach Hause zurückgekehrt war. In meiner kopflosen Angst beschloss ich, nach ihr zu suchen. Zufällig war es gerade Vollmond und sein fahles Licht malte mir strahlende Wege zwischen die dunklen Gänge in Londons Innenstadt. Ich suchte sie in den verschlafensten Winkeln, rief nach ihr, obwohl ich ihren Namen nicht kannte. Doch ich fand sie nicht. In dieser Nacht quälten mich die furchtbarsten Angstträume von blutroten Engeln in Arztkitteln, die auf Sternen um einen Mond tanzten, dem man mit einem Messer ein Gesicht geritzt hatte. Aus seinem Schlund strömten giftige Wolken und formten das schönste Wort, das ich je gehört hatte: Vollmondvolk. Am nächsten Morgen war sie wie immer in ihrer Wohnung. Ich klopfte an, doch sie schickte mich weg, ich solle ihr vom Hals bleiben, hatte sie gesagt. Ich zog mit den langsam dahinschleichenden Tagen um die Häuser und blieb doch immer wieder vor dem ihren stehen, ohne sie wiederzusehen. Das 19.Jahrhundert wurde flach und träge und lag im Sterben, als ich sie das nächste Mal sah. Wieder wartete ich mit flatterndem Herzen vor ihrer Tür, es war mein vorerst letzter Tag in London. Auf einmal öffnete sie und bat mich hinein. Alles schien mir wie ein ausgeblichener Traum, nicht mehr als ein Hauch von weißem Nebel. Die Fensterläden waren geschlossen und nur der Vollmond brach durch die verstaubten Ritzen der Holzverkleidung. Sie sah mich an und das Licht ließ ihre Konturen verschwimmen, machte sie durchlässig, beinahe unsichtbar. Ich wollte den Mond erforschen, jammerte sie, aber jetzt hat er Besitz von mir ergriffen. Ich werde ihn nie wieder ansehen können, ohne seine Auswirkungen zu fürchten. Nie mehr werde ich die Stimmung lauer Vollmondnächte genießen können. Nie wieder. Ich wollte doch nur das Wissen, jetzt habe ich den Wahnsinn erfahren. Ihre Glieder streckten sich und plötzlich leuchteten ihre Augen eitergelb in der Dunkelheit vor mir. Der Wolf heulte stumm, krank, dann laut, bitter, entgegen des schmalen Streifen Mondlichts, der seinen Körper erfasste. Ich begriff, sehr schnell und rannte, so rasch ich konnte aus dem Haus. Sie war ein Teil meiner Phantasie geworden eingefangen von meiner eigenen Imagination. Ich verließ London mit dem nächsten Zug, ohne mich umzusehen. Ich jagte die Welt aus meinem Verstand und schloss alle Türen hinter mir, aber sie, sie wurde ich nicht los. Eine innere Stimme trieb mich an. Sie raunte mir zu und ich begann zu verstehen. Es gab nur eine Möglichkeit, ihr diesen einen, diesen alles entscheidenden Wunsch zu erfüllen: Sie wollte noch einmal den Vollmond sehen, ohne sich fürchten zu müssen. Ich begriff und machte mich fieberhaft an die Arbeit. Die Alte, die mir und meinem Gehilfen 1902 die Tür öffnete, hatte wenig mit der Schönheit gemein, die ich Jahre zuvor in London getroffen hatte. Sie war krank und fahl geworden, aber unter dieser Maske sah ich, wonach ich gesucht hatte. Stumm baute mein Gehilfe die Geräte auf und ich bot der Frau einen gemütlichen Platz auf ihrem eigenen Sofa gegenüber der grau getünchten Wand an. Vielleicht erinnerte sie sich daran, mein Gesicht schon einmal gesehen zu haben, aber das zählte nun nichts mehr. Alles was zählte war ihr erstauntes Gesicht, als vor ihr die Bilder zu flimmern begannen. Arztkittel, ein Mond mit einem Gesicht. Ein Vollmond. Die Bösen werden besiegt. Ein Bild für ihr Leben, ich konnte erkennen, dass sie es verstehen konnte. Das erste Mal sah sie mich richtig an und etwas wie ein Lächeln lag in ihren müden Augen. Der Mond ist der größte Phantast, wiederholte ich, nachdem der Film vorbei war und mein Gehilfe den Projektoren abgestellt hatte. Er hat mir diese Bilder in meine eigene Dunkelheit mit seinem Licht gemalt. Ein Windstoß öffnete die Fensterläden und ein Streifen Mondlicht fiel hinein und beleuchtete das Gesicht der Frau. Ich konnte sehen, dass sie weinte. Ich habe sie nur noch dieses eine Mal erblickt, man erzählte mir, dass sie in der nächsten Vollmondnacht spurlos verschwand. Alles was man fand, war ein Bild von einem lächelnden Mond und die Rest eines Projektors, wie er in Zukunft üblicherweise zur Vorführung von Filmen gebraucht werden wird.
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