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Im SPIEGEL überprüfen Ressortleiter und Dokumentare jeden Text des wöchentlichen Magazins, bevor er publiziert wird. Sie verlassen sich neben eigenen Quellenrecherchen auf die grundlegende Integrität von Autoren - was im Fall Relotius das Problem war: Mehrere Fallbeispiele machen klar, dass das System an einem Betrüger versagte. Jeder Text, der im wöchentlichen SPIEGEL erscheint, ob gedruckt oder digital, wird vor seiner Veröffentlichung von vielen Kollegen gelesen: von mindestens einem Ressortleiter und einem Chefredakteur, von Mitarbeitern in Lektorat und Rechtsabteilung. Das Herz der Qualitätskontrolle aber ist die hauseigene Dokumentation. Die gut 60 Kollegen - Physiker, Historiker, Biologen oder auch Islamwissenschaftler - stellen sicher, dass Namen, Daten und Fakten stimmen, sie verifizieren jedes Wort und jede Zahl. Kaum ein anderes Medium betreibt so viel Aufwand, um den Anspruch einzulösen: Was wir schreiben, das stimmt. In Zeiten von Fake News ist die Dokumentation ein Pfund, mit dem der SPIEGEL gern wuchert. Wie kann es also sein, dass ein Autor Teile seiner Geschichte einfach erfindet und damit durchkommt? Der Fall Relotius zeigt die Grenzen und Schwächen des Sicherungssystems. Die Arbeit der Dok - wie wird ein Text geprüft? Das Verhältnis von Redaktion und Dokumentation, intern die Dok genannt, ist im SPIEGEL in den "Grundsätzen der Zusammenarbeit" festgehalten, spezielle "Verifikationsrichtlinien" legen Details fest. Die Arbeit der Dok beginnt in der Regel, wenn die Redakteure ihren Text fertig geschrieben haben und der Ressortleiter ihn für gut, relevant und verständlich empfunden hat. Zunächst werden alle überprüfbaren Sach- und Personenangaben gecheckt. Das geschieht mithilfe einer Fülle von veröffentlichten Informationen, aus Datenbanken und Pressearchiven etwa. Aber auch von den Autoren selbst erwartet die Dokumentation, dass sie schriftliches Material, das sie bei der Recherche verwendet haben, zur Verfügung stellen, also beispielsweise Akten, die der Redakteur exklusiv besorgt hat, Briefe oder E-Mails. Als verifiziert gilt, was mit zuverlässigen Quellen bestätigt ist. Beschreibt der Redakteur etwa, dass er auf einer Reise in Tansania am Wegesrand Kakteen sieht, dann prüft die Dok: Gibt es dort überhaupt Kakteen? Antwort: nein! Schreibt der Autor: "Am 16. Februar 2016, einem nebelkalten Tag in München..." - dann prüft die Dok anhand alter Wetteraufzeichnungen, ob der besagte Tag nicht womöglich ein strahlend schöner, ungewöhnlich warmer war. Auch Zeitbezüge werden geprüft, etwa die Länge einer Bahnfahrt, die der Journalist beschreibt. Örtliche Beschreibungen können mithilfe von Google Earth und Google Street View gecheckt werden. Die Dok prüft auch innere Widersprüche im Text und ob Zitate stimmen - sofern sie schon öffentlich gemacht wurden. Die Akribie der Dok zeigt sich an einer Zahl: Eine Diplomarbeit von 2008 kommt auf 1153 Änderungen durch die SPIEGEL-Dokumentation in nur einem Heft. Zieht man Rechtschreibfehler und Stilkorrekturen ab, blieben 599 korrigierte Fehler und weitere 400 Ungenauigkeiten. Die Dok spricht jede einzelne mit dem Autor durch, oft müssen dann Sätze oder gar ganze Absätze wieder aus dem Text gestrichen werden. Der Dokumentar prüft auch nach, ob der Autor die Korrektur tatsächlich gemacht hat - oder ob er sich aus einem bestimmten Grund dafür entscheidet, dies nicht zu tun. Und sie markiert, welche Fakten schlicht nicht verifiziert werden konnten, auch weil womöglich die Zeit schlicht zu knapp war. Ein harter Faktencheck ist im Sinne der Redakteure, er bewahrt sie vor Fehlern und im Zweifel auch vor juristischem Ärger. Wo liegen die Grenzen der Faktenchecker? Nicht prüfen kann die Dok naturgemäß Dinge, die ein Reporter vor Ort exklusiv recherchiert hat und die bisher unbekannt, also nirgendwo berichtet wurden. Wo Journalisten mit den Protagonisten ihrer Geschichte allein sind, wo sie Vieraugengespräche mit ihren Informanten führen, endet der Zugang der Dok: "Informanten der Redaktion, die Objekt einer Geschichte sind, dürfen nur nach Absprache mit der Redaktion befragt werden", heißt es in den Verifikationsrichtlinien. Die Dokumentation prüft auch keine Reisekostenbelege und Spesenabrechnungen von Autoren oder checkt nach, ob sie wirklich in dieser Stadt oder jenem Hotel waren, ob die Kilometer auf ihrem Mietwagen zusammenpassen mit den Stationen einer Reise, die ihr Text beschreibt. Nicht nur wäre der Aufwand kaum zu bewerkstelligen. Die Dok hat dazu auch kein Mandat. Ihre Aufgabe ist die Textkontrolle, nicht die Personenkontrolle. Das bedeutet: Bei heiklen investigativen Recherchen, die auf einer Fülle von Daten und schriftlichem Material beruhen, wie etwa bei den Enthüllungen zu "Football Leaks", ist die Arbeit der Dokumentare paradoxerweise einfacher als bei Reportagen, die von Beobachtungen und Empfindungen des Redakteurs leben. Noch schwieriger wird ihre Arbeit, wenn die Journalisten allein unterwegs sind oder gar aus Ländern berichten, in denen keine freie Presse existiert, die beim Faktencheck zugrunde gelegt werden könnte. Oft ist auch die Zeit zwischen Textabgabe und Veröffentlichung so knapp, dass sich die Dokumentare auf die wesentlichen Fakten beschränken müssen. Diese Grenzen und Schwächen der Dokumentation hat Claas Relotius, wie sich an einigen Beispielen zeigen lässt, gezielt genutzt und das in ihn gesetzte Grundvertrauen missbraucht. Die Dokumentation hat er dabei sogar instrumentalisiert, um seine Geschichten dort faktenstärker und detailreicher zu machen, wo sie ihm helfen konnte. In der Regel kennen SPIEGEL-Autor und SPIEGEL-Dokumentar einander aus der Zusammenarbeit gut. Wo es an eindeutigen Quellen und Belegen fehlt, fragt der Dokumentar, woher die Informationen stammen und wie der Autor an sie gekommen ist. Wird dieses "Making of", die Rekonstruktion des Rechercheweges, stets bereitwillig oder sogar unaufgefordert geliefert, klingt sie plausibel und stimmen die überprüften Fakten im Text, schafft das Vertrauen. Ein Autor wie Relotius, zu dessen Texten es keine Beschwerden von Protagonisten oder andere Beanstandungen gab - vermutlich wohl auch deshalb, weil viele seiner Geschichten im Ausland spielen, wie man nun sagen muss - genießt dabei naturgemäß ein größeres Vertrauen. Die Sympathien, die aus dieser Nähe entstehen, lassen sich kaum ausblenden, ebenso wenig die Gefahren. Welche Rolle spielen Ressortleiter und andere Vorgesetzte? Das Verhältnis zwischen Dok und Redaktion ist auf Spannung angelegt, die Dok soll als Störfaktor im System wirken. Allzu oft kollidiert das mit zeitlichem Druck und dem Rückhalt, den Ressortleiter ihren Autoren geben wollen. Dok-Chef Hauke Janssen beschreibt den Dokumentar als "natürlichen Feind" des Journalisten, weil er ihm nicht blind glauben darf, zugleich soll er dessen bester Freund sein - im Sinne von kritischem Feedback im gemeinsamen Interesse: auf Schwachstellen in der Argumentation und blinde Flecken der Recherche hinweisen, den Text verbessern, wo sich den Lesern Fragen stellen könnten. Grundsätzlich nicht angelegt sind Routinen, die darauf zielen, die persönliche Integrität von Redakteuren durch Dokumentare zu überprüfen. Letztere seien keine interne Stasi, sagt man beim SPIEGEL. Die grundsätzliche Führung der Redakteure, die Begleitung der Themenrecherche und die journalistische Abnahme des Textes liegt bei den Ressortleitern und anderen Vorgesetzten. Bis hin zur Chefredaktion wird in Artikel redigierend und hinterfragend eingegriffen. Die Dok begleitet diesen Prozess. Zu beurteilen, ob ein Mitarbeiter akkurat und verlässlich arbeitet, ist aber nicht allein ihre Kernaufgabe, sondern vor allem auch die von Vorgesetzten. Insofern stellt der Fall Relotius nicht nur die Dok vor Fragen, sondern die generellen Abläufe und Sicherungsinstanzen quer durch die verschiedenen Führungsebenen des SPIEGEL - hiermit wird sich in den kommenden Monaten eine Kommission beschäftigen, die Chefredaktion und Geschäftsführung einsetzen werden (mehr dazu hier). Sie wird die Probleme rund um die knapp 60 Artikel, die von Relotius im SPIEGEL erschienen sind, überprüfen. Bisher beruhen die Erkenntnisse über Manipulationen und Fälschungen weitgehend auf seinem eigenen Geständnis, das ebenfalls zu hinterfragen sein wird - wie aufwendig die Untersuchung der Kommission ablaufen wird, ist schon jetzt an folgenden drei Fällen abzusehen, die beispielhaft für das Versagen der Sicherungssysteme an einem Betrüger stehen.
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