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Das Kind des Rubins (noch nicht optimiert)

created Apr 25th, 12:43 by Vincent1567445


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Paulus stieg von seinem Pferd. Sein rot-goldenes Gewand, das von dunkelgrünen Ornamenten überzogen wurde, war geprägt von einer dünnen Schlammschicht, die sich bis auf die Höhe seines Knies festgesetzt hatte. Er war mit seinem Rappen wahrscheinlich so schnell geritten, dass er sämtlichen Dreck vom Boden hochgeschleudert hat. Paulus ging mit eifrigen Schritten auf die Hütte zu und riss sein Pferd mit, damit er es an den dicken Holzpfosten aus Fichte befestigen konnte. Kurz bevor er die Tür der Hütte öffnete, musterte er noch einmal skeptisch die Umgebung. Überall waren Primonen zu sehen. Sie überragten jeden noch so großen Baum und ließen nur schwach das Licht der Sonne durch. Von der Wiese, auf der die Hütte stand, war nicht viel zu sehen. Lediglich ein paar grüne Büschel und vereinzelte Blumen und Pilze, die Hoffnung ausstrahlten, waren im schwachen Lichtschimmer identifizierbar. Paulus‘ Rappe, den er Dosti nannte, stand mit herausgestreckter Brust an dem Holzpfosten, wobei er vor Stolz trotze. Seine Erwartung, dass sein Besitzer ihn schon bald wieder losbinden würde, damit sie auf gemeinsame Reisen gehen können, hatte sich festgesetzt. Als Paulus die Hütte betrat, kam ihm etwas seltsam vor. Er rechnete zwar damit, dass die Hütte verlassen war, jedoch waren sämtliche Schränke, Truhen und Schubladen aufgebrochen. Paulus war sich sicher, dass ihm niemand auf der Spur war. Nicht einmal die flinken Primonenelfen, die in Windeseile und nahezu lautlos durch den Primonenwald laufen können, konnte er nicht wahrnehmen. Paulus war im Besitz eines mächtigen Monokels. Es ist das Erbe des letzten Monarchen, mit dessen Hilfe man jede Bewegung wahrnehmen kann, auch die der flinken Elfen. Trotzdem zückte Paulus sein Obsidianschwert, welches er, wie vor jeder gefährlichen Reise, mit einer Mixtur aus Knochenmehl und Hjypablättern eingerieben hat, wodurch der Gegner nicht nur durch eine Schnittwunde verletzt, sondern auch mit einem Fluch belegt wird, der seinen ganzen Körper erstarren lässt. Nur erfahrene Magier und Heiler sind in der Lage solch einen Zauber aufzulösen. Eine Legende besagt jedoch, dass einst ein Krieger aus dem Westen es geschafft habe, sich selbst von diesem Zauber zu befreien. Die Art und Weise wie er es tat, ist bis heute noch unbekannt. Manche sagen, es fließe sowohl Drachen- als auch Elfenblut in seinen Adern, da eine Kombination von beiden eine wichtige Ingredienz für das Gegenmittel jenes mächtigen Fluches ist. Andere hingegen behaupten, er sei ein Totgesandter aus der Unterwelt. Ein Jemand, der aus der Hölle des Barosoxis zurück in die Länder von Marouhm geschickt wurde, um den Menschen die Intelligenz auszusaugen, damit die Macht der Herrscher der Unterwelt gestärkt wird. Paulus selbst hörte viel von diesen Erzählungen. Er hielt davon nicht viel und stritt sie meistens ab. Für ihn waren Legenden schon immer nur „eine Dichtung der Betrunkenen“.  
Paulus ging langsam einen Schritt nach vorne. Der helle Holzboden knarzte laut und gab etwas nach, ohne zu brechen. „Bloß nicht in den Keller einbrechen.“, schnaubte Paulus leise vor sich hin. Er setzte seinen Fuß auf die Planke links von der Knarzenden. Diese gab keinen Ton von sich und stabil war sie zudem auch noch. Paulus beugte sich langsam nach vorne und schaute nach links. Dort sah er ein Gemälde, welches an das Steinfundament angelehnt war. Er konnte nicht erkennen, was auf dem Gemälde war, dafür war es zu dunkel. Plötzlich begann sein Monokel stark zu vibrieren. Paulus vollführte sofort eine gekonnte Drehung und setzte zum Schlag an. Hinter ihm war keiner. Doch auf einmal hörte er Dosti aufjaulen. Mit einem gewaltigen Tritt hob Paulus die Tür aus den Angeln. In dem ruhigen Primonenwald konnte man den Tritt kilometerweit hören. Paulus ging direkt zu seinem Rappen und sah nach, was passiert war. Er konnte niemanden sehen, und das obwohl sein Monokel noch immer stark vibrierte. Es wurde sogar immer stärker, als würde sich ihm eine ganze Horde von Menschen nähern. Paulus konnte es nicht mehr ertragen und riss das Monokel von seinem Auge. Er zog mit so einer gewaltigen Kraft, dass ihm das Monokel auf den mit kleinen Steinen besetzten Erdboden entglitt, was ihm aber gerade gleich war. Dosti warf ihm einen verwirrten Blick zu, als stelle er sich die Frage, was um der Götter Willen er da tue. Jetzt war Paulus verwundert. Gerade jaulte sein Pferd vor Schmerz verrückt und nun ist es ruhig. Auch das Amulett hat aufgehört zu vibrieren. „Irgendwer will mir hier einen Streich spielen…“, murmelte Paulus. „Es möge sich derjenige zeigen, der es sich erlaubt, mich auf den Arm zu nehmen!“, schrie er durch den sonst so ruhigen Primonenwald, indem nicht einmal ein Vogelzwitschern zu hören war. „SOFORT!“. Unruhig beobachtete Paulus die hohen Bäume des Waldes. Als er bemerkte, dass das Monokel wieder anfing zu vibrieren, nahm er es sofort auf. Durch seine ungeschickt ruckartige Bewegung, mit der er es von seinem Auge riss, ist ein winziges Ornament am silbernen Rand herausgesprungen. Das Glas war schwach durch einzelne Kratze beschädigt, die durch die starke Vibration am Boden entstanden sind. Zum Glück sind noch die kleinen Wappen des Marouhmreiches in den roten Rubinen erkennbar, atmete Paulus innerlich auf. Jeder der das Wappen in einem Rubin bei sich trug, hatte ein hohes Ansehen. Paulus besaß insgesamt 3 Rubine mit diesem Wappen. Alle waren auf seinem Monokel. Oftmals kursierten Fälschungen auf dem Schwarzmarkt, die zu unverschämt hohen Preisen verkauft wurden. Doch diese brachten den Betrügern nichts, denn die Rubine waren mit einer Substanz gefüllt, an die niemand außer der Adel und die hohen Magier herankamen: Drachenblut. Eine Ausnahme waren die Heiler. Sie durften es für bestimmte Heiltränke erwerben und verwenden. Hat man jedoch einmal das Drachenblut mit einer anderen Flüssigkeit vermischt, kann man es nicht mehr extrahieren, weshalb das Drachenblut auch so kostbar ist und nur in die Hände der hohen Leute gelangen darf. Auch Paulus besitzt eine winzige Ampulle, die mit jenem Blut gefüllt ist. Er trägt sie aber nie bei sich, das ist ihm viel zu riskant. Stattdessen lässt er sie immer in einer verschlossenen Truhe, die in einem geheimen Raum steht, den nur er kennt. Nicht einmal die Erbauer seines Gemachs kennen den Zugang. Ihnen wurde ein Trank des Vergessens mit in das Bier untergemischt, sodass sie sich lediglich an den Bau des Gemachs ohne den geheimen Raum erinnern konnten. Paulus fragte sich, ob es nicht auch eine bessere Idee gewesen wäre, den Monokel in seinem Gemach zu lassen. Schließlich sind darauf seine einzigen Rubine und das Monokel lässt sich leicht stehlen, weshalb es auch der letzte Monarch niemals getragen hatte. Plötzlich hörte Paulus einen Ruf. Er klang unecht, gespielt, wie als wäre es ein Streich. Sofort band er Dosti los, steckte sein Schwert in die Scheide und stieg auf. Paulus fühlte sich, als wäre er in Zeitnot geraten. Die verlassene Hütte war nur noch sein zweites Ziel. Es war wie ein unkontrolliertes Verlangen, welchem er folgte: Dem Ruf eines jungen Kindes im Primonenwald, welches in Not geraten war. Er als Vertreter des Königreichs Marouhms ist gezwungen, Menschen in großer Gefahr zu helfen. Vielleicht war es deswegen, weshalb er Dosti immer weiter anspornte und ihn aufforderte, noch schneller zu galoppieren. Paulus verfolgte eilig den Ruf. Sein Monokel, welches er noch immer in der Hand hielt, vibrierte immer stärker, nur war es diesmal angenehmer und nicht so unerträglich wie im Auge. Paulus war mittlerweile mehr als vier Minuten unterwegs und noch immer hörte er den Ruf, welcher aber bisher nicht leiser wurde. Das Einzige, was sich verstärkt hat, ist die Vibration seines Monokels. Deshalb hielt Paulus auch nicht an. Er vertraute dem Monokel und war so selbstbewusst, dass er der Meinung war, an dem Monokel kann und wird nie etwas falsch sein. Er wurde langsamer. Nicht weil er es wollte, sondern weil Dosti nicht mehr konnte. Sein Rappe war völlig erschöpft. Der Ruf hingegen war noch immer da, noch immer in derselben Lautstärke und sein Monokel hat bereits die stärkste Vibration erreicht. Paulus spürte, dass etwas nicht stimmte. Doch er wollte weiter. Als sich sein Rappe sich strikt den Anforderung seines Besitzers widersetzte, stieg Paulus fluchend ab, betrachtete Dosti und nach ein paar weiteren Flüchen entschuldigte er sich bei ihm und sackte mit Tränen neben ihm zusammen. Dosti wusste, auch wenn er nur ein Rappe war, dass mit Paulus etwas nicht stimmte.  
 
 

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